User Story Estimation und Human Biases

Die sogenannten Estimations (Schätzungen) sind das zentralste Element für den Erfolg eines agilen Softwareprojekts. Ein weiteres wichtiges Erfolgskriterium sind die User Stories. Allenthalben sollte man beim Schätzen über die Mechansimen der kognitiven Heuristiken und kognitive Verzerrungen (Human Biases) Bescheid wissen. Denn Biases (kognitive Verzerrungen) beeinflussen unser Verhalten unter Ungewissheit wie Risiko, Entscheidung für oder gegen etwas und Schätzungen ganz wesentlich.

Zuerst die richtige User Story Beschreibung

Zuerst einmal geht es darum, dass der Coder die User Stories semantisch richtig verstehen kann. Das ist noch kein Bias, jedoch grundlegend für passende Schätzungen. Insbesondere geht es um die Art und Weise wie die User Stories geschrieben werden. So macht es einen enormen Unterschied, ob ein Developmen Team den Behavior Driven Development Ansatz (BDD), Test Driven Development (TDD) oder etwa XP wählt.

Story Discussion Workshop
Kobald Agile Expert & IT-Projects, 2017

Namentlich ist es etwa bei BDD notwendig die User Stories in Szenarios zu schreiben. Der Aufbau einer User Story, sodass sie der Coder richtig versteht ist ein anderer als jener für BDD. Allen gemeinsam ist, dass sie die INVEST Kriterien von Bill Wake erfüllen müssen (Independent, Negotiable, Valuable, Estimatable, Small, Testable). Prinzipiell bewährt sich die syntaktische Phrase:

Als ein….               [Typ eines Benutzers]
möchte ich…           
[Feature]
sodass, dass…
          [Nutzen]

Bei BDD werden Verhaltensaspekte von Software mit folgender syntaktischen Phrase beschrieben:

Feature <z.B. Titel und/oder syntaktische Phrase der User Story> 
Scenario 1:
<Titel>
Given
          [Vorbedingungen für das Szenario ( z.B. aktueller Prozessschritt, GUI Zustand,…)]  
And
             [weitere Vorbedingungen]…

When 
         [Aktion]  
And
             [weitere Aktionen]…

Then
            [Soll-Zustand oder Ergebnis]  
And
             [weitere Soll-Zustände, Ergebnisse]…

Story Points als Basis der Estimation 

Story Points sind die Währung für die Effizienz. Ein funktionierender agiler Prozess muss empirisch sein, um tatsächliche Änderungen messen zu können (Velocity, Burn Down Chart, Cumulative Flow Diagram, Control Chart). Richtig eingesetzt und und mit

Empirische Prozessüberprüfung
Kobald Agile Expert & IT-Projects e. U., 2017

den richtigen Erwartungen gelesen sind User Stories ein sehr probates Mittel, die Aufwände auf ihrer Basis mit Breitband-Delphi oder Planning Poker zu schätzen. Werden sie semantisch gut verständlich geschrieben, diskutieren die Coder in den Estimation Sessions dann auch tatsächlich über die „Geschichte in der Geschichte.“

 

Der Einfluss von Human Biases auf die Estimation

Software-Entwickler haben Schwierigkeiten den zeitlichen Aufwand für eine bestimmte Aufgabe richtig einzuschätzen. Nach wie vor gelten in der Softwareentwicklung Schätzungenauigkeiten von ± 10% als genau und ± 20% noch als brauchbar (Prognosen liegen weit darüber!). Wenn ich einen absoluten Spezialisten mit zwanzig Jahren Erfahrung frage, werde ich definitiv eine andere Aussage erhalten, als von einem Hochschulabsolventen – aber welche ist die richtigere?

Bauchgefühl
Kobald Agile Expert & IT-Projects e. U., 2017

Typische Verhaltensmuster wie Selbstüberzeugung – Experten tendieren dazu, das eigene Wissen zu überschätzen, die Illusion der Kontrolle – Experten handeln oft so, als hätten sie über etwas Kontrolle,  Wunschdenken – Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses wird überschätzt, weil man es sich besonders stark wünscht) und Fehlplanung. Besonders bei schwierigen Aufgaben tendieren Coder dazu, die benötigte Zeit zu unterschätzen treffen gerade in der IT auf äußerst fruchtbaren Boden. ABER:

Optimismus ist ein Charakterzug von Entwicklern der sein muss, um in der komplexen Welt der IT zurecht zu kommen.

Somatische Marker sind neurobiologisch verkörperte emotionale Erfahrungen, die in der Gehirnstruktur eingezeichnet sind und beeinflussen unser Entscheidungsverhalten ganz wesentlich. Wird ein somatischer Marker verändert, hat das Einfluss auf unser Entscheidungsverhalten. Nehmen wir das Beispiel eines Fluges: Wird mein Kurzzeitgedächtnis durch einen Bericht über einen Flugzeugabsturz beeinflusst, wird das meine Entscheidung, das Flugzeug zum Verreisen zu wählen, ebenfalls beeinflussen (oder zumindest meine Emotionen während des Flugs).

Gleichzeitig gilt, dass wenn mein Langzeitgedächtnis hinsichtlich neuer Erfahrungen verändert wird, Emotionen oder Konflikte neu in meine Gehirnstruktur eingeschriebenwerden. Das ändert dann auch meine somantischen Marker und somit mein Entscheidungsverhalten.

Der Dispositionseffekt ist eine Eigenart von uns Menschen. Tatsächlich verhalten wir uns bei unsicheren Entscheidungen irrational. Wir fürchten Verlust viel mehr, als wir Gewinn begrüßen. Das geht so weit, dass greifbare Vorteile nicht wahrgenommen werden, um die entferntere Chance (euklidische Distanz) des Versagens zu vermeiden.

Entscheidungsbaum
Kobald Agile Expert & IT-Projects e. U., 2017

Gerade bei Schätzungen wirkt diese Verhaltensökonomie auf unsere Entscheidungen. Die Repräsentativitätsheuristik  ist eine Urteilsheuristik und wird von uns zur Kategorisierung von Wahrscheinlichkeiten angewandt. Wir bewerten Ereignissen danach wie genau sie bestimmten Prototypen entsprechen, das heißt Wahrscheinlichkeiten von Ereignissen werden danach bewertet, wie genau sie bestimmten Stereotypen entsprechen. Je wichtiger ein bestimmtes Thema für eine Person ist, und je relevanter, desto eher fällt sie die Entscheidung aufgrund des Inhaltes der Information.

Alle Human Biases liegen in der Natur des Menschen. Es kann daher nur versucht werden ihnen durch geeignete Ausbildung und Kalibrierung der Schätzteammitglieder entgegenzuwirken. Schätzfehler treten grundsätzlich bei jeder Schätzung auf und können entweder zum Überschätzen oder Unterschätzen führen. Mittels Training können Personen kalibriert werden.